Der Weg der Mennoniten von den Niederlanden nach Uruguay

400 Jahre im Werder

Im Jahre 1534 begann die Einwanderung niederländischer Täufer über Danzig nach Preußen, mit dem Wunsch, endlich einmal frei nach ihren Glaubensgrundsätzen leben zu können. Da sie aus ihrer niederländischen Heimat Erfahrungen mitbrachten, sumpfige und unter dem Meeresspiegel gelegene Ländereien trockenzulegen und in reiches Kulturland zu verwandeln, wurden sie in Preußen aufgenommen. Dort siedelten sie in den Niederungen des Stromlaufs der Weichsel und besonders im Weichsel-Nogat-Delta an. 400 Jahre hindurch haben sie dann in dieser Gegend gearbeitet. Bis zur Vertreibung betätigten sich die Mennoniten fast ausschließlich in der Landwirtschaft.

Die erste Auswanderung: nach Russland

1789 erließ Friedrich Wilhelm II. ein besonderes Edikt, das den Landerwerb durch Mennoniten sehr stark einschränkte. So sah der Überschuss der mennonitischen Landbevölkerung den einzigen Ausweg in der Auswanderung. Es zogen zwischen 1788 und 1861 alle die, die kein Land mehr erwerben durften, nach Russland, während ihre Zahl in der Heimat immer ungefähr bei 13000 Menschen blieb.

Die zweite Auswanderung: nach Nordamerika

1867 wurde ein Gesetz erlassen, das die Befreiung der Mennoniten von der Wehrpflicht aufhob. Allerdings durften sie, soweit sie nicht Waffendienst tun wollten, als Krankenwärter, Schreiber, Nachschubfahrer ihre Militärpflicht ausführen. Ein Teil der Mennoniten konnten auch diese Art des Militärdienstes nicht mit ihrer Glaubensauffassung vereinbaren und wanderten 1873 nach Nordamerika aus. Für die Zurückbleibenden ergab sich durch die Aufhebung der Wehrfreiheit auch eine Aufhebung der bisherigen Einschränkungen im Grundstückserwerb. Am 1.Weltkrieg nahm so ein großer Teil der Mennoniten als Sanitäter und Tränkfahrer (Lebensmittel) teil.

Durch den Vertrag von Versailles wurde Westpreußen und so auch die Mennonitengemeinden in drei Teile zerschnitten. Zwei Drittel der preußischen Mennoniten kamen mit ihren Höfen im Weichseldelta zum Gebiet des Freistaates Danzig. Die südlich gelegenen Gemeinen wurden dem neu entstandenen polnischen Staate eiverleibt. Elbing und die Mennoniten der Elbinger Niederung bildeten einen Teil des vom Reich abgetrennten Ostpreußens.

Auszug aus dem Werder

Als die Russen Anfang 1945 gegen das Weichseldelta vorstießen, in dem die große Mehrzahl der Mennoniten Westpreußens wohnte, da begann am 24. Januar, dem Tag des Aufbruchs, in endlosen Wagenreihen der Auszug der Mennoniten aus dem Werder, das ihnen 400 Jahre Heimat gewesen war. Einem Teil gelang es, über die Oder nach Westdeutschland zu kommen, bevor die Russen den Kessel von Danzig schlossen. Andere wurden von der roten Flut eingeholt. Der Tod kam zu ihnen in Schnee, Frost und Eiswasser, er kam zu ihnen in brennenden phosphorüberschütteten Treckwagen. Etwa 2000 Mennoniten konnten sich von Danzig aus über See nach Dänemark retten, wo sie jahrelang hinter Stacheldraht in Lagern hausen mussten. Diejenigen die in Westpreußen blieben, wurden zum Teil ins innere Russland verschleppt, sie erlebten Grässliches.

Der Weg nach Uruguay

Für die vielen landlosen mennonitischen Bauern in Westdeutschland und in Dänemark wurde in ihrem Elend das “Mennonite Central Commitee” (MCC) ein Begriff der selbstlosen Bruderliebe. Als Abgesandter des Hilfswerks der amerikanischen und kanadischen Mennoniten leitete C. F. Klassen die erste Hilfe für seine westpreußischen und rußländischen Glaubensgeschwister ein. Rund 1000 westpreußischen Mennoniten wurde durch das MCC die Auswanderung nach Uruguay möglich gemacht.

Am 7. Oktober 1948 lichtete die “Volendam” in Bremerhaven ihre Anker zur Ausfahrt nach Südamerika. Erst später, mitten auf dem Atlantik traf die Nachricht ein, dass die 750 Lemberger und Danziger in Uruguay einwandern durften. Am Morgen des 27. Oktober kam die Volendam im Hafen von Montevideo an. Dort wurden die Einwanderer von uruguayischen Gemeinden erwartet, die sie sehr freundlich empfingen. Gegen Abend verließen die in zwei Gruppen geteilten Mennoniten das Schiff. Die eine Gruppe wurde in Bussen in ein Lager in Colonia gebracht, die andere fuhr mit dem Zug nach Arapey in ein Militärlager.

Der Anfang in der neuen Heimat

Kolonie “El Ombú”

Am 17.April 1950, konnten nach langen Vorverhandlungen 1200 ha des Gutes El Ombú, 300 km nordwestlich von Montevideo übernommen werden. 100 Familien, die Hälfte der ersten mennonitischen Einwanderer kamen hierher, nachdem ein Vorkommando die Landparzellen vermessen hatte. Nachdem die Parzellen ausgelost waren, begann man mit der Arbeit. Die meisten Häuser wurden zunächst aus Grassoden oder gestampftem Lehm gebaut, gedeckt mit Rohr oder Schilf. Ein Teil der Familien fand Unterkunft in den Gebäuden des Gutes.

Am 18.Oktober 1951 kam eine zweite Gruppe Eiwanderer in Montevideo an. Einige der angekommenen Familien wurden in und um Montevideo zu ihren Verwandten und Bekannten gebracht. Andere fuhren zu Angehörigen, die sich in verschiedenen Orten des Landes niedergelassen hatten. Der größte Teil wurde jedoch in Bussen nach EL Ombú gebracht.

Kolonie “Gartental”

Am 9. November begannen die Verhandlungen um die Estancia “Brabancia” die 70 km von El Ombú entfernt liegt zu kaufen. Erst am 22. Juni 1952 konnte die Verlosung des Landes stattfinden. Man plante in Gartental 435 Personen anzusiedeln. Als die Siedler nach der Verlosung der Parzellen zu ihrer Hofstelle kamen, war die Erde zum Teil schon für die Weizenaussaat vorbereitet worden. Nun war jeder selbst dran, diese Arbeit weiterzuführen. Gleichzeitig war es auch nötig mit dem Hausbau zu beginnen, denn auch in dieser Kolonie boten die vorhandenen Gebäude nicht genug Raum für alle.

Kolonie “Delta”

Während man in den neu gegründeten Siedlungen noch versuchte sich einzurichten, beschäftige man sich schon mit der Erforschung neuer Siedlungsmöglichkeiten. Besonders in El Ombú verhinderte die Raumnot eine gesunde Entwicklung der Siedlung. Außerdem gab es noch eine Anzahl Familien, hauptsächlich in der Nähe von Montevideo, die bisher noch bei keiner Siedlung mitgemacht hatten, sich aber jetzt einer Neuen anschließen wollten. Dazu kam die Estancia “La Candelaria” in Frage, die 94 km von Montevideo entfernt in Richtung Colonia lag. Anfang April 1955 konnte das Land verlost werden und die einzelnen Familien zogen auf ihr Land. Unterkunft fand man in den vorhandenen Gebäuden. In dieser Siedlung konnten sich 110 Personen niederlassen. Auf 40 Hofstellen begannen sie, ein eigenes Heim aufzubauen.

Die Gemeinde in Montevideo

Während sich das Leben der mennonitischen Einwanderer im Inland zunehmend auf die Siedlungen konzentrierte, übte zur gleichen Zeit auch die Hauptstadt des Landes eine große Anziehungskraft auf die Arbeit suchenden Familien aus. Als die ersten, in Uruguay eingewanderten Mennoniten erkannten, das eine gemeinsame Ansiedlung nicht so schnell stattfinden könnte, versuchten sie, ihren Lebensunterhalt auf andere Weise zu bestreiten. Mit jedem geringen Lohn war man zufrieden, da er immerhin noch besser war als keiner. Als dann aber die Ersten erfuhren, dass in Montevideo bessere Löhne gezahlt wurden als in Colonia oder Salto, versuchten sie so schnell wie möglich bessere Arbeitsstellen zu finden. So zogen nach und nach immer mehr arbeitsfähige Personen nach Montevideo.

Als die ersten MCC-Vertreter nach Montevideo gekommen waren, um für die Einwanderung alles vorzubereiten, mieteten sie auch die Hälfte eines größeren Gebäudes in der Straße Vilardebó. Hier war nicht nur das Büro des MCC untergebracht, es waren auch Unterkunftsmöglichkeiten eingerichtet worden. Später kam man in diesem Gebäude regelmäßig zum Gottesdienst, zu Jugendstunden, usw. zusammen.